Webkäppchen und der böse Wolf

In unserer heutigen, umtriebigen Welt gibt es ja leider nur noch wenige Freiräume. Selbst Manager sind ja heute so vielen Zwängen unterworfen. Da tut es gut, von Menschen zu hören, die sich noch trauen, gegen den Strom zu schwimmen – so wie Manfred Hell, von dem die FAZ online schrieb, er betrete einen Raum nicht nur einfach, er stürme herein.

Manfred Hell ist einer, der es geschafft hat. Sein Unternehmen hat, so ist es in dem Artikel zu lesen, im Jahr 2007 156,3 Millionen Euro Umsatz gemacht, satte 21 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Aktuelle Zahlen liegen uns nicht vor, doch es scheint, als ginge es für das Unternehmen und seinen Chef weiter aufwärts.

Und es ist ja auch toll, wenn ein Unternehmenschef als belesener Naturbursche beschrieben wird, einer, der sich lange nicht vorstellen konnte, in der Wirtschaft zu landen und eine Promotion über Alfred Döblin anstrebte. Einer, der sagt, er habe gelernt, mit Anzugträgern umzugehen, auch wenn sie nicht aus seiner Welt stammen, die aber notwendig seien, um an Kapital zu kommen. Kapital, das sein Unternehmen heute unter anderem als Investitionsobjekt von „Private Equity“-Unternehmen erhält.

Es muss Spaß machen, mit einem solchen Menschen zu arbeiten, in einem Unternehmen, dem das positive Image von Freiheit und Abenteuer vorauseilt. Zumindest bis heute. Bei dem Unternehmen handelt es sich um die Jack Wolfskin Ausrüstung für Draußen GmbH & Co. KGaA.

Das Unternehmen, das, so die FAZ in Ihrer Online-Ausgabe, deutlich über zehn Prozent des Umsatzes ins Marketing investiert, hat seit einiger Zeit nämlich auch Neider – böse Menschen, die mit der Marke des Unternehmens Schindluder treiben.

Wer, so mögen Sie sich fragen, kann denn nur ein Interesse daran haben, ein so nettes Unternehmen zu schädigen? Willige Fälscher in osteuropäischen oder asiatischen Gefilden? Grimmige Markenpiraten, die auf schlechte Imitate frech das Logo der notorisch bekannten Marke mit der Wolfstatze pappen?

Nein, es ist viel Schlimmer: Mitglieder einer Handarbeits-Community namens DaWanda haben sich versammelt, um – getarnt als Teilzeitunternehmer – unter anderem mit Stickentwürfen für Katzenpfoten, Spiegel mit tatzengemustertem Plüschbezug und ähnlich pfotenbewehrten Artikeln vom Ruhm des unkonventionellen Outdoor-Ausstatters zu profitieren.

So kam, was kommen musste: Die Plattform DaWanda erhielt ein Schreiben der Wolfskinschen Anwälte mit dem Hinweis, doch, wie es in einem Blogbeitrag des Werbebloggers beschrieben wurde, „bestimmte Produkte aus dem Dawanda-Sortiment bis 08. Oktober zu entfernen, sonst würde Dawanda ‚kostenpflichtig in Anspruch genommen’.“

DaWanda entfernte daraufhin die tatzenbewehrten Angebote wie Stickvorlagen, kleine Sticker u.ä. aus seinem Sortiment, denn in der Tat ist Jack Wolfskin das, was man eine notorisch bekannte, sprich berühmte Marke handelt und hat, wie bereits die Zeitung taz erfahren durfte, recht umfassende Rechte an der Darstellung der Wolfspfote bzw. von Tatzenspuren.

Pfote ist Pfote, sagten sich wohl auch die Anwälte von Jack Wolfskin und schickten zur Sicherheit mehreren DaWanda-Anbietern Abmahnungen, deren Kostennote sich zwischen 800 und knapp unter 1.000 Euro bewegte, da sie, wie es im Text eines dieser Schreiben heißt, „über die Internet-Seite „de.dawanda.com“ unter anderem mit Tatzendarstellungen gekennzeichnete Produkte anbieten. Zwischen der Tatzendarstellung auf den von Ihnen vertriebenen Produkten und der Tatzenmarke unserer Mandantin besteht Verwechselungsgefahr. Die sich gegenüberstehenden Tatzendarstellungen sind nahezu identisch. Die Waren, für welche die Marken unsere Mandantin Schutz genießen, sind mit den Waren, für die Sie hochgradig ähnliche Tatzendarstellungen benutzen, identisch bzw. hochgradig ähnlich.“

Nun kann und will ich nicht beurteilen, ob diese Einschätzung der Ähnlichkeit berechtigt ist oder nicht und billige Jack Wolfskin alle Rechte an der Wolfspfote zu – wenn auch alle Darstellungsbeispiele, die ich in diesem Zusammenhang kenne, eher harmlosen Katzenpfötchen ähneln, zum Teil in bunten Stoffdrucken, die vom Stoffhersteller „Michael Miller Fabrics“ geliefert wurden. Diese Firma weist übrigens auf Ihren Stoffen auch wiederum „All Rights Reserved“ aus. Handelt es sich dabei womöglich um die Hintermänner einer gegen Wolfskin gerichteten Verschwörung?

So haben nun einige dieser Anbieterinnen das Vergnügen, via Abmahnung zu bereuen, die Pfote missbraucht zu haben. Und sie werden möglicherweise eine ganz anderes Verständnis des Satzes entwickeln, das die Homepage von Jack Wolfskin ziert: „Lernen Sie uns kennen!“.

Nun mag es rechtlich sogar vertretbar sein, mit Abmahnungen selbst gehen Klein-Übeltäter vorzugehen – aber hat sich bei Jack Wolfskin schon einmal jemand Gedanken über die Publikumswirkung gemacht? Obwohl, man war ja auch bereit, Jahrelang mit der Taz zu prozessieren und damit möglicherweise einen Teil der eigenen Käuferschicht zu verprellen.

Auch Dawanda zeigte sich in einem Statement betroffen über die Entwicklung:

„(…) Umso mehr sind wir über das Vorgehen von Jack Wolfskin verwundert. Wir haben uns bis jetzt bewusst hinsichtlich öffentlicher Stellungnahmen zurückgehalten und JW bzw. seinen Anwälten mehrfach den Dialog angeboten. Wir versuchen es auch derzeit noch einmal.

Gern hätten wir gemeinsam mit dem Unternehmen eine Lösung gefunden. Als Reaktion auf das Schreiben der Anwälte von Jack Wolfskin haben wir die beanstandeten Produkte von der Seite genommen. Dennoch erhielten unsere Mitglieder Abmahnungen und dies, obwohl deren Artikel bereits nicht mehr auf DaWanda zu finden waren. Als Antwort auf unser erneutes Gesprächsangebot erreichte uns die offizielle Stellungnahme von Jack Wolfskin, in der das Unternehmen sein Vorgehen bekräftigt. Wir sind von diesem Verhalten maßlos enttäuscht.

Die Art und Weise wie das Unternehmen gegen unsere Mitglieder und DaWanda vorgeht als auch die Verhältnismäßigkeit der getroffenen Maßnahmen sind weit von unseren Vorstellungen eines fairen Miteinanders entfernt. Weder unsere Mitglieder noch DaWanda selbst sind daran interessiert, die Markenrechte von Jack Wolfskin oder eines anderen Unternehmens zu verletzen. Im Gegenteil: bislang kooperieren wir konstruktiv mit anderen Marken bzw. diese mit uns.“

Natürlich haben wir sowohl Jack Wolfskin als auch die Anwaltskanzlei um eine Stellungnahme und Erläuterung der Vorgänge gebeten. Vermutlich hat man dort aber derzeit soviel zu tun, dass für eine Antwort bis zum Redaktionsschluss keine Zeit blieb. So kann ich Ihnen leider nicht mitteilen, was das Unternehmen zu den Fragen, worin die Bedrohung der Marke Jack Wolfskin bei der Darstellung von beispielsweise Katzenpfoten auf einer Kaffeetasse liegt, ob Jack Wolfskin plant, gegen weitere Unternehmen vorzugehen, die einen Pfotenabdruck nutzen und ob man ein PR-Problem bei der Kommunikation dieser Maßnahmen bzw. bei der Erklärung gegenüber den Kunden befürchtet, sagen würde.

Vielleicht aber erklärt die PDF-Datei, die als offizielles Statement (die Echtheit konnte ich in der Kürze der Zeit nicht prüfen) von Jack Wolfskin gehandelt wird, die Beweggründe des Unternehmens etwas näher. Schauen wir uns einige Auszüge an:

„Diese Vorfälle sind zwar bedauerlich, es handelt sich hier jedoch um eindeutige Markenrechtsverletzungen, auf die Jack Wolfskin zum Schutz der Marke leider mit Abmahnungen reagieren musste. (…)

Auf der DaWanda-Plattform wurden verschiedene Artikel mit einem Tatzenabdruck angeboten. Die einzelnen Fälle wurden von Jack Wolfskin in enger Zusammenarbeit mit Rechtsanwälten eingehend geprüft. Daraufhin wurden nur die Anbieter abgemahnt, deren Produkte die Markenrechte von Jack Wolfskin auch wirklich verletzen. Anbieter, deren Artikel mit Pfotenabdrücken keine Ähnlichkeit zur Jack Wolfskin Tatze aufweisen, können ihre Artikel selbstverständlich weiter unbeanstandet verkaufen. Zudem erfolgten die Abmahnungen auch wirklich nur dann, wenn ein Anbieter im geschäftlichen Verkehr gehandelt hat. Das Merkmal eines Handelns im geschäftlichen Verkehr liegt regelmäßig nur dann vor, wenn in der Vergangenheit Verkäufe in einem gewissen Umfang getätigt wurden, wohingegen Kleinstanbieter, die beispielsweise nur ein oder zwei Produkte pro Jahr verkaufen, natürlich nicht kontaktiert wurden. (…)

Wenn verhältnismäßig kleine Unternehmer abgemahnt werden, wird darauf geachtet, die Kosten möglichst gering zu halten. Normalerweise berechnen sich die Kosten eines Abmahnschreibens nach dem zugrunde liegenden Gegenstandswert, der anhand der verletzten Marke bestimmt wird. Dieser wurde in den vorliegenden Fällen so gering wie möglich angesetzt. Die sich daraus ergebenen Kosten in Höhe von € 991,00 sind für einen Kleinunternehmer noch immer verhältnismäßig hoch, jedoch ist dieser für die Entstehung der Kosten verantwortlich, da er markenverletzende Ware verkauft hat und Jack Wolfskin dadurch zur Verteidigung der Marke gezwungen war.“

Einer der Betroffenen, Jolyon Yates, der, wie seine Webseite ausweist, sein Geld wohl eher nicht mit Outdoor-Artikeln verdient, und die Pfotenabdrücke seiner Katze „Princess“ genutzt hat, um einige Sticker herzustellen, beschreibt die Sachlage aus anderer und für mich durchaus auch nachvollziehbarer Sicht. Hier meine frei übersetze Wiedergabe:

„Offenbar hat die Jack Wolfskin GmbH & Co. KGaA (heute der weltgrößte Outdoor-Anbieter), obwohl  erst 1981 gegründet, das Recht auf Katzenpfoten hat. Wer hätte das geahnt?

Ich muss sofort die alten Ägypter, Walt Disney und den Pink Panther informieren.

(…)

Ich verstehe, dass beispielsweise Apple (oder nehmen wir Blackberry!) seine Marke schützen muss – und Menschen daran hindert, Marken zu nutzen, die der eigenen ähneln – speziell im Technologiebereich. Ich musste nun aber feststellen, das mein örtlicher Lebensmittelladen immer noch Äpfel (und Brombeeren!) verkauft – und was noch schlimmer ist, sogar aus Kisten, auf denen Bilder von Äpfeln (und Brombeeren!) aufgedruckt sind.“

Man mag sich wirklich fragen, wovor ein Unternehmen dieser Größenordnung eigentlich Angst hat? Oder ist es gar keine Angst sondern ein viel schlichterer Beweggrund?

In einer Zeit, in der immer mehr Menschen Online Handel treiben, oft als Nebenerwerb oder aus schlichter Begeisterung für ein Hobby, lauern offenbar Fallen. Ob eine vergessene „Double-Opt-In“-Option oder eine Markenrechtsverletzung – der Betreiber eines Online-Shops ist leicht zu „erwischen“. Er tut gut daran, sich möglichst umfassend über die Rechtslage zu informieren und vor allem so gut wie möglich zu prüfen, ob er irgendwelche Markenrechte verletzt. So, wie es heute zugeht, in der Welt der Anzugträger, braucht man wohl nicht unbedingt auf eine gesunde Einschätzung der Maßstäbe zu hoffen. Und solange Abmahnungen auch eine relativ schnelle Methode sind, um mit nur wenig Aufwand noch etwas Geld zu verdienen und gleichzeitig seinem Kunden zu beweisen, wie fleißig man doch in seinem Sinne arbeitet, solange wird es auch Fälle geben, die in der Tendenz so bizarr erscheinen, dass man fast nicht glauben möchte, dass es wahr ist.

Und eigentlich ist es schon fast unglaublich, dass ein satirischer Beitrag wie der „Standardabmahnartikel“ von Sascha Lobo plötzlich so gar nicht mehr lustig erscheint, sondern aus der Vordruckabteilung eines Unternehmens zu stammen scheint.

Eine Lehre mag man auch noch aus diesem Fall ziehen: Bei „Star Trek“ gibt es Borgs, da sieht man, wer assimiliert wurde. In der Wirtschaft sieht man nicht, ob der eine oder andere „Nonkonforme“ schon längst von einer Gedankenwelt aufgesogen wurde, zu der er irgendwann einmal nicht gehören wollte. Es ist eben nicht das Outfit, dass das Verhalten steuert …

Get Adobe Flash playerPlugin by wpburn.com wordpress themes